Vitaly Borispolez,
extra für "Prime Excursion Bureau".
Novelle
Ich kehrte aus einem auf der Landkarte verlorenen Städtchen zurück. Wozu bin ich hingeflogen, ist schwer zu sagen. In der letzten Zeit war ich erstaunlich nicht imstande mein Verhalten und meine Handlungen verstehen zu können. Ich hatte das Gefühl, als ob mir ständig etwas fehlte. Intuitiv fühlte ich etwas Wichtiges verloren zu haben, doch was genau, konnte ich mich drin nicht zurechtfinden. Es sei möglich sich selbst.
In dieses Städtchen bind ich zufällig geraten, indem ich einfach ein Ticken für den nächsten Flug gekauft hatte. Es war einfach unerträglich weiterhin zu Hause zu bleiben. Versuch dich mal ruhig zu sitzen, wenn du nicht ganz sicher weißt, wo dein Platz ist. Ich muss dringend fort, auf eine Reise.
Und da fliege ich in einem Flugzeug mit Ihr. Ich frage mich oft: warum hat gerade Sie meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen? Sie unterschied sich doch von den anderen gar nicht. Sie war ganz gewöhnlich und ich habe sogar die Farbe Ihrer Augen und Haares nicht behalten. Das Einzige, was in meinem Gedächtnis eingeprägt wurde, war Ihr Lächeln. Sie saß und lächelte. Nicht mir und keinem anderen, lächelte entweder dem Himmel, oder der Sonne, oder möglicherweise den Wolken… Sie schaute ins Bullauge und lächelte ungezwungen. Und es war etwas Besonderes darin. Weiß nicht warum, doch ich fing an auch zu lächeln. Ich schaute auch ins selbe Bullauge und lächelte. Und da trafen sich unsere Lächeln, aber nicht hier im Flugzeug, sondern irgendwo dort, auf einer der Wolken.
- Hallo, - sagte mein Lächeln.
- Hallo, - antwortete Ihr Lächeln.
- Wer bist Du und was machst Du hier?
- Nichts. Ich bin hier zu Hause. Das ist mein Heim.
- Und wie heißt Du denn?
- Verschieden, Du wirst selbst darauf kommen. – Mit erstaunlicher Leichtigkeit sprang Sie auf eine andere Wolke. – Geh mal, ich zeige Dir mein Gut. Schau mal nur, wie herrlich ist hier. Gefällt es Dir?
- Sogar sehr, kann ich doch nicht auf den Wolken spazieren.
Sie lachte auf:
- Folge mir und hab keine Angst. Auf den Wolken kann jeder spazieren gehen, man hat es eigentlich nicht probiert.
Und ich ging, dabei vergessen, dass ich lediglich ein Mensch bin und vorher eine fürchterliche Angst vor der Höhe hatte. Ich sprang von einer Wolke auf die andere und lachte. Wie wunderbar ist auf den Wolken zu spazieren!
- Kuck mal – sagte Sie, - diese Wolke ist einem Weißbär ähnlich. Die ist hier aus dem Nordpol geflogen. Und diese, - Sie zeigte mit der Hand, - ist die Wolke der Liebe, weil sie als ein Herz aussieht. Hörst Du wie es schlägt? Sie wandert durch den Himmel und macht die Leute glücklich.
- Bist Du glücklich? - fragte ich.
Sie lachte wiederholt auf:
- Ob ich glücklich bin? Man stellt mir solche Frage zum ersten Mal. Wenn Du willst, erzähle ich Dir eine Legende, die schon seit Jahrhunderten vergessen worden ist. Die grauen Greise vermochten diese nicht aufzubewahren, sie ist doch nicht verstorben. Du wirst sie den Menschen zurückgeben.
… Sehr, sehr lange her, in der grauen Vorzeit waren die Menschen ganz anders als heute. Nichts freute sie und sie erwarteten vom Leben nichts, machten sich sonst über die umgebenen Schönheit und Harmonie lustig, als ob diese etwas Unnützliches wären und brachten keinen Nutzen während der Jagd und des Krieges.
Einst tauchte in der Ortschaft ein Mensch auf, der sich als Meister vorstellte und allen anderen nicht ähnlich war. Er hatte ein weiches Herz und die lustigen, strahlenden Augen. Seine unbekannte und unbegreifliche bisher Herzensgüte erschreckte die Leute viel mehr als die Waffe.
Es kam einmal vor, dass die Jäger in die Siedlung ein im Wald gefundenes Wolfskind gebracht hatten. Gemäß dem örtlichen Gesetz sollte es nach der Ritualvollziehung getötet werden, weil die Wölfe seit jeher für die Feinde der Menschen gehalten wurden. Als auf dem Berg des Todes die Leute zusammenkamen und die besten Schützen ihre Pfeile schon auf das arme Tierchen gerichteten, erhob sich der Meister und bat sie das Wolfskind gegen einen hohen Rückkauf ihm zu geben.
- Wozu brauchst du denn es? – fragten ihn die erstaunten Leute.
- Ich brauche es gar nicht, - antwortete er - doch dieses Tier zu töten nur deshalb, weil es der Wolf ist, wäre es äußerst ungerechtigt – sagte Meister und lächelte.
Und die durch sein Lächeln erschrockenen Leute hatten nachgegeben. Sie hatten große Angst vor dem Lächeln, weil wussten nicht was es bedeuten sollte. Es störte ihnen sehr ihr graues Alltagsleben weiter zu führen.
Die Kunde über den stattgefundenen Zwischenfall verbreitete sich blitzschnell. Aus weit entlegenen Orten trafen hier die Menschen ein, um diesen „Wunder“-Mann zu sehen. Eine geheimnisvolle Kraft zog sie an ihn. Trotzdem hatte die Angst gesiegt. Ernstlich von seinem Lächeln erschrocken, pflegten sie ihn zu meiden, wodurch er zur vollen Einsamkeit verurteilt wurde.
Und da blieb der Meister ganz alleine. Die Menschen taten ihm leid. Und er entschied seinen Mitmenschen zu helfen, ihnen zu erläutern, dass die Güte keine Drohung, keine Gefahr geheimhält.
An einem schönen Tag hatte er den Sack mit den Habseligkeiten gepackt und fing an zu wandern und das Gute zu predigen.
Als er die Schwelle jegliches Hauses betrat, wurde die Weide auf den Dächern wieder lebendig und die Äste bedeckten sich mit großen aufquellenden Knospen. Den Leuten wurde ängstlich zumute davon und sie verjagten ihn aus ihren Behausungen.
In ihm waren Zweifel aufgestiegen, ob die Leute tatsächlich besser werden sollten, ob es überhaupt möglich sei sie zu ändern. Und dann beschloss er einen ihm ähnlichen zu schaffen. Er versorgte sich mit einer Menge von Ton und schloss sich für eine längere Zeit in seiner Hütte.
Mittlerweile verbreitete jemand im Ort ein Gerücht, dass der Meister etwas Böses im Schilde führen und ein Unheil auf alle heraufbeschwören würde. Das Entsetzen nahm zu und wuchs sogar in eine echte Panik hinüber, als er einmal früh morgens die Tür seiner Hütte aufmachte und die Statue eines schönen, lächelnden Mädels draußen heraus trug. Die Leute liefen auseinander und verbargen sich in eigenen Hütten. Man dachte ängstlich an die Möglichkeit, den Meister sowie dieses eine aufgeregte Kraft ausstrahlende Mädel loszuwerten. Als sie wieder zusammenkamen, hatte jemand vorgeschlagen den Meister und seine Schöpfung zu verbrennen und deren Asche in die tiefste Schlucht wegzuschmeißen. So war das Urteil.
Am nächsten Tag versammelten sich die Einheimischen am Fuße des Todesberges, wo die Hinrichtung stattfinden sollte. Und da kam der verhängnisvolle Mittag. Der Meister und das Mädel wurden an die Pfähle festgebunden, mit trockenen Ästen umgelegt und angezündet. Die gelben Feuerzungen näherten hastig zu den Füssen der Verurteilten, doch zum allgemeinen Schrecken des Gedränges lächelte das Mädel nach wie vor und der Meister schaute traurig auf die Leute. Seine Augen verrieten keine Spur von Angst.
- Arme Leute, - sagte er, - sie tun mir leid. Sie verbrennen mich, doch passiert dies nicht mit meiner Schöpfung. Gebrannter Ton wird noch härter. Möge ich umgehen, doch wissen sie, ich sterbe für sie, damit ihre Nachkommen diesem Mädel ähnlich werden. Merken sie, um den Vogel nicht fliegen zu zwingen ohne diesen im Käfig gesperrt zu haben, solle man die Sonne gefrieren und den Himmel versteinern lassen – er schwieg.
Und da hallte plötzlich aus der Hölle des Feuers sein Aufruf zum Mädel. – Vergib diesen Menschen und mach sie besser. Ich schenke Dir meine Zeit.
Das ausgebrachte Feuer erstickte seine letzte Worte und nur einzelne Laute waren schwerlich zu hören: “G…l……ck”.
Nachdem das Feuer erlöscht war, sahen die durch das noch größere Grauen entsetzten Leute, dass das Mädel heil und unversehrt stehen blieb. Die prophetischen Worte des Meisters erfüllten sich. Das Feuer hatte sie nur gehärtet. Jemand hatte aus der Menge aufgeschrieen:
- Sie würde sich an uns rächen! Wir müssen sie aus dem Berg runterstürzen, ansonsten kommen wir alle um!
Durch die panische Angst angetrieben, packten die Leute die Statue des Mädels und schleppten sie auf die Bergspitze. Die unten gebliebenen Leute warteten aufgeregt darauf, was weiter kommt. Der, wem diese Idee gehörte, heulte auf und stieß die Statue des Mädels hinunter.
Da geschah plötzlich ein Wunder, sie ist weder gefallen noch zerbrochen, sie blieb im Himmel. Den Boden erreichten nur die Scherben aus dem gebrannten Ton, welche sie von ihrem Körper abgeschüttelt hat. Das Mädel wurde lebendig. Die Menschen waren total verblüfft. Sie erwarteten unvermeidliche Rache. Doch zu ihrem ungeheueren Erstaunen lächelte das Mädel freundlich.
- Ich vergebe ihnen im Namen meines Schöpfers und selbst in ihrem Namen, - sagte sie.
Und zum ersten Mal im Leben lächelten die Menschen auch. Ihre Lächeln waren irgendwie ungewandt und ähnelten sich eher den Grimassen. Trotzdem waren es die Lächeln, die ersten Lächeln der Menschen.
Das Mädel verschwand sich inzwischen und niemand sah es seither. Ihre Anwesenheit war eigentlich wahrzunehmen. Man freute sich sehr, wenn das Mädel das Haus von jemandem in der Ortschaft besuchte. Zu Ehren des Meisters und seines letzten gebrochenen Wortes nannte man das Mädel als „Glück“.
Na und, so wäre die ganze Geschichte…
- Sollte denn diese Legende nicht wahre Geschichte sein? – krächzte ich und erkannte meine Stimme nicht.
- Es ist bloß nur eine Legende, - lächelte sie.
Ich wollte erwidern, noch etwas sagen, doch niemand war schon in meinem Blickfeld. Ich sprang auf, wollte laufen und sie finden, als plötzlich fing ich an ungestüm nach unten zu fallen… Das Flugzeug landete.
Im Bullauge war die Erde schon deutlich zu sehen. Ohne mich zu beachten, brachte das Fräulein seine Frisur in Ordnung und bereitete sich zum Aussteigen. Ich starrte auf sie verlegen. Und sie, als ob nichts geschehen wäre, stand auf und ging fort.
Ich wurde gebeten das Flugzeug zu verlassen. Ich stieg aus und machte mich langsam auf den Weg in die Stadt. Die ganze Nacht bummelte ich durch die in Schlaf versunkenen Straßen und lächelte. Es schien, dass alles sich in meiner Abwesenheit geändert hatte. Die Bäume sind höher und schlanker, die Häuser eleganter, die Luft frischer geworden. In dieser Nacht fielen sogar keine Sterne nieder…
Juli, 2009
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