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Stadt Kharkov, Altstadt mit Schutz- und Fürbitte-Kloster 17. Jh., Himmelsfahrt-Kathedrale 18. Jh.
Mittwoch, 05 Oktober 2022

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Artikel > „Schwarze Perle“ von Lvov

 

Boims Kapelle

 

Sophia Kiewskaja, Journalistin
Extra für „Prime Excursion Bureau“

Die am Ausgang der Renaissance-Epoche errichtete prächtige Kapelle auf einem der Zentralplätze Lvovs - ist eine Art Hymne für Kunst der Bildhauer, Maler, Steinschnitzer, die ein echtes Meisterwerk geschaffen hatten. Schon über 400 Jahre schmückt die Hauptstadt der West-Ukraine die Boims Kapelle der namhaften ungarischen Dynastie, deren Vertreter nicht nur in der Geschichte der Stadt, sondern auch in der Weltgeschichte berühmt wurden. Diese Kapelle ist eine der zahlreichenarchitektonischen Zierden der Stadt Lvov, deren Zentrum auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes der Menschheit steht.  

 

Pracht der Lvov- Renaissance

Die an der Ecke des Kathedraleplatzes und einer der Straßen des mittelalterlichen  Zentrums Lvovs stehende Kapelle (ukrainisch Kapliza) ist Zeuge des einst hier liegenden städtischen Friedhofes. Hier befand sich die Ruhestätte der Bürgermeister, Magistratmitglieder, der angesehenen Kaufleute und Geistlichen  höchsten Ranges. Zum Zeitpunkt der Liquidation des Friedhofes Ende des XVIII. Jahrhunderts zählte dieser schon fast Halbtausend Jahre. Auf dem ca. 36 ha großen Territorium der damaligen Stadt gab es sieben Friedhöhe, was der Erweiterung Lvovs erheblich störte und negativ auf die Gesundheit der Stadteinwohner auswirkte. Innerhalb von 500 Jahren brach in Lvov 51 Male Epidemie  aus. Das Problem der Ökologie und des Gesundheitsschutzes war soweit ernsthaft,  dass sich damit auf der höchsten staatlichen Ebene beschäftigt worden war.  

 

 

Außensteinfassade der Kapelle

 

 Der österreichische Kaiser Joseph erließ 1783 ein Dekret über die Abschaffung der in den Stadtgrenzen liegenden Friedhöfe auf Territorium des ganzen Imperiums.    Das betraf auch Lvov: als Ergebnis sind von der Stadtnekropole  nur einige Kapellen erhalten geblieben, die unmittelbar an Kathedralemauer angebaut waren sowie einzige separat stehende Boims- Kapelle.  Etwas früher, bevor die Stadtnekropole entfernt wurde,   entstand dicht an der Kapelle ein Haus (Kapitel), welches der katholischen Kirche angehörte.  Das wertvollste in der äußeren Gestaltung dieser Kapelle ist deren prächtiges SpätrenaissancePortal, welches nach wie vor dem Kathedraleplatz zugewandt ist.

Die ganze Fassade ist vollkommen mit dem Steinschnitzdekor bedeckt: hier sieht man die Statuen von Aposteln Peter und Paul, Reliefsmedaillons mit Propheten, Hochreliefskompositionen zum Themen der Christus-Passionen, die mit grellen Ornamenten verzierten Säulen, Mascarones,  Kartuschen. In dieser Vielfalt von Motiven und Formen kann man die Widerhalle der  Einflüssen von Gotik und  der holländisch – deutschen Renaissance sehen; vor allem aber -  die Einwirkung der einheimischen künstlerischen Traditionen, der Kunst von Bildhauern und Steinmetzen der Ortschaft Galizien.

Es gibt zwei Versionen bzgl. Baujahre der Kapelle. Die erste zeigt auf die 1607-10 Jahre, die zweite – auf 1607-17 Jahre.   Es steht eigentlich fest, dass sie 1615 vom Lvover Erzbischof eingeweiht worden war. Der Auftraggeber dieser „Bibel für Analphabeten“ – so wurde die Kapelle genannt nach deren „Versuch“ durch ihre Ausstattung die Heilige Schrift darzustellen – war der große Wucherer  und Kaufmann George (Jerzy) Boim, der aus Ungarn stammte. Die Kapelle war als eine Familiengruft für seine große Familie vorgesehen,  wo heute schon drei Generationen dieser Dynastie ruhen. Es existiert übrigens eine wesentliche Ausnahme, über welche die Rede nachstehend folgt.

Lassen wir uns zuerst die Kapelle umgehen, bevor in die Kapelle reinzutreten und mit der Geschichte der alten Lvover Familie in Berührung zu kommen. An der östlichen Fassade sehen wir die Fresko- Bildnisse von Jerzy Boim selbst und seiner Gattin, welche noch bei ihrem Leben ausgeführt wurden. Die Darstellungen werden von 1617 datiert  und dem Pinsel des italienischen Malers Giovanni Gianni zugeschrieben, der damals in Lvov tätig war. An der nördlichen Fassade zwei künstlerischen Darstellungen angebracht: die von  Jesus Christus und Mutter Gottes und unter diesen Kompositionen sieht man ein Skulpturrelief, das den Himmelspatron des Auftraggebers darstellt - „Georg, der den Drachen schlägt“.

Unter Schöpfern der Kapelle werden verschiedene Namen erwähnt. Einige Historiker nennen den Bildhauer und Architekten Hans Scholz aus Wrocław, andere – den Krakower Baumeister Janusz Glusk. Es existiert auch die Version, dass die Kapelle vom in Lvov bekannten Andreas Bremer projektiert wurde, welcher in deren Nähe das Rathaus gebaut hatte und de facto damals als Chefarchitekt der Stadt galt. Im Dekor der Kapelle ist Widerhall mit Siegmund-Kapelle   der Kathedrale auf dem Wawel in Krakow sichtbar, welche in selber Zeitspanne 1609-11 gebaut worden war. Skulpturdekor der Fassade erinnert selbst sehr an die Kirchen in Gdansk. Die Motive der „nördlichen Renaissance“  (so wurde die Kunst der XV-XVII. Jahrhunderte  in Baltikum und Nord- Deutschland  genannt) wurden schon längst von den Architektur -Spezialisten in der Ausstattung der Kapelle festgelegt und eingeschätzt.

 Interieur der Boims Kapelle gilt als eines der besten Renaissance-Muster in der Ukraine.  Die einheimischen Galizien-Traditionen sind in der Auslegung der Gestalten von Heiligen zu erkennen: sie sehen etwas bäurisch aus, sind den traditionellen   Mustern der Bauernkunst ähnlich, welche die altertümlichen Traditionen der Holzschnitzerei aufbewahrt. Die beiden Reliefe (Arbeit des Meisters J. Pfister) an der nördlichen Seite stellen Jerzy Boim mit der Familie und seinen Schwiegersohn Z. Brestler dar. Die Kapellenkuppel besteht aus drei Caissonreihen, von denen jeder mit biblischen Darstellungen ausgemalt ist.  Es ist schon längst bemerkt, dass in den Skulpturen von biblischen Propheten ganz deutlich die charakteristischen, sogar  porträtischen  Züge der Zeitgenossen erkennbar sind – die von Stadteinwohnern, was für die  Beobachtungsgabe und realistische Ausstattung der Kapelle spricht. 

Die Kunstwissenschaftler finden in der Innenausstattung auch einige Rätsel.  Beispielsweise ist es  unklar, warum das Motiv der alttestamentarischen Opferung des Lammes in der Kapelle dargestellt ist und das Heilige Abendmahl, wie auch Kruzifix  an der Ikonenwand nicht den zentralen Platz besitzen. Vermutlich wurde hiermit während der Anordnung der Interieurkomposition ein gewisser Sinn eingelegt, welchen sowie Historiker, als auch Theologen nicht erklären vermochten. Wer sind denn diese Boims, wodurch ist diese Lvover Dynastie bekannt geworden?

 

Elemente des Außendekors

 


Pirat und Kaufmann

 Ein langes Leben (nach damaligen Verhältnissen) dieses Menschen, dessen Vorname als George, Gyorgy, Jerzy ausgesprochen wurde, fing in einer ungarischen Familie aus Transsilvanien an, auf dem Nord-Westlichen Territorium  heutigen Rumäniens. Über den Ursprung seines Primärkapitals sowie gewaltiges Vermögen gingen viele Gerüchte um. Das Geheimnis lüftete sich erst am Sterbebett: in seiner Todesbeichte bedauerte Boim sehr, dass er in seiner Jugend Piraterie auf Donau betrieb.  Die Errichtung der Kapelle kann weitgehend als eine Art Reue seinerseits für Vergebung seiner Sünden eingeschätzt werden.  

Erstes Mal war  Jerzy Boim in Lvov als ein angesehener Mann im Gefolge vom Fürsten Stefan Batory (der als polnischer König gewählt wurde) im März 1576 eingetroffen.  Boim hatte eine glänzende Karriere beim neun Monarchen gemacht, indem er zu seinem Sekretär wurde. Einige Jahre später verließ er seinen Dienst beim König, der sich mit Feldzügen befasste, und ließ sich in ihm gut gefallenen Lvov nieder. Hier heiratete er die einheimische Frau Katherine Nizhnevskaya aus adliger Familie und ging aus Protestantismus in den Katholizismus über.

 Lvov war immer eine Kaufmannsstadt und die reichsten Geschäftsleute bildeten die Elite vom damaligen Lemberg. Geschäftstüchtiger, harter und unternehmungslustiger Jerzy Boim wurde sehr schnell zu einem der reichsten Einwohner seiner neuen Heimatstadt. Er handelte mit dem ungarischen Wein, Stoffen, betrieb Geldwucher. In einigen Jahren war er schon im Kreis der „ersten Familien“ Lvovs, wurde nicht einmal in den Magistrat gewählt und als Bürgermeister ernannt. Selbstverständlich sollte die Kapelle für so eine Persönlichkeit ganz besondere, prunkvoll und sogar anspruchsvoll sein. So geschah es. Im Jahre 1617 entschlief in dieser Gruft der Pirat, Kaufmann und Bürgermeister Jerzy Boim und später die weiteren Vertreter seiner Verwandtschaft.

 

Innere Ausstattung der Kapelle

 

Ehrwürdiger Doktor für Medizin

 Der ältere Sohn des Dynastiegründers hatte eine wissenschaftliche Karriere gemacht, dank welcher in die höchsten Gesellschaftskreise geriet und zum Vertrauten des polnischen Königs wurde. Paul-Juri war Doktor für Philosophie  und Medizin und Hofarzt beim Sigismund III Vasa.

Grundausbildung erhielt er zu Hause und dann begab   er sich an die Padua Universität - eine der Anziehungslehranstalten der wohlhabenden ostslawischen Jugend damaliger Zeit. Dort wurde ihm Titel des Doktors für Philosophie verliehen und er wurde zum Rechtswissenschaftler in der Kunstabteilung. Nach Lvov kehrte er 1613 im Alter von 30 Jahren zurück und wurde bald als Berater im Stadtmagistrat angestellt und späterhin zum Voight d.h. Vorsitzende des Gerichtes.

Paul-Juri setzte die „Verschönerung“ der Familiengruft fort. Gerade bei ihm wurde diese zu einem der bedeutendsten Renaissancedenkmäler in der Stadt. Wir wissen, wie er sowie seine Gattin Dorota Barchivna aussahen:  im Interieur zu beiden Seiten von der Skulpturkomposition „Pieta“ („Trauer“) befinden sich ihre Skulpturdarstellungen.

Die Ehe zwischen Paul-Juri und Dorota war fruchtbar – sie haben neun Kinder zur Welt gebracht: drei Töchter und sechs Söhne. Obwohl ihre Gens wurde nur vom letzten Sohn Nikolai Boim fortgesetzt. Andere Kinder sind als kinderlos verstorben. Der älteste Sohn Juri wurde für seine unanständige Lebensweise und Leidenschaft zu Glücksspiele (wodurch Familienbusiness erhebliche Verluste erlitten hatte) vom Vater enterbt. Die anderen zwei Söhne Michael und Benedict-Paul wurden zu Mönchen- Jesuiten. Noch ein Sohn Paul wurde Doktor für Medizin. Über seine Nachfolger ist nichts bekannt, so wie auch der Fall mit den Kindern eines der jungsten Söhne Ivan ist, der die Lebensbahn eines Kaufmannes ging.

Unter den Söhnen von Paul-Juri Boim wurde sein zweiter Sohn Michael mehr berühmt, welcher sich als Reisende, Abenteurer, Mediziner, Botaniker, Zoologe,  Geograph, Diplomat und  Missionär zeigte.

 Seine Bestattung fehlt in der Gruft. Er vestarb 1659 in den fernen vietnamesischen Dschungeln und sein treuer  Lehrling stellte ein selbst gemachtes Kreuz  auf dem Grab seines Lehrers auf und  kehrte nie wieder zu diesem Ort zurück. Gerade Michael Boim hatte seinen Familiennamen in alle Ewigkeit berühmt gemacht. Dank ihm haben wir gelernt  den Puls messen; er wurde faktisch der erste Europäer, welcher  für seine Landsleute nicht mythisches, sondern reales China entdeckte.  

Reisende und Wissenschaftler

 Michael Boims Vorgänger Marco Polo hatte vier Jahrhunderte zuvor das Buch über seinen Aufenthalt in China geschrieben. Doch sehr widerspruchsvoll waren seine Memoiren. Es scheint, dass Marco Polo Autor eines der Romane im Stil „Fantasy“ war. Unser Landsmann Michael Boim hatte hingegen mit der wissenschaftlichen Sprache seiner Zeit Flora und Fauna, Sitten des chinesischen Imperium beschrieben,  den Grundriss dessen Geschichte und Politik dargelegt, wodurch er in der Tat zum ersten europäischen Sinologe  bzw. Spezialisten für China wurde. Geschweige denn, dass er den chinesischen Imperator getauft hatte, was sich als einziger Fall in der Geschichte erwies. Und er hatte eigentlich sein Leben im Kampf für das Schicksal seines Patenkinds geopfert.

Michael Boim trat in den Jesuitenorden als er 20 Jahre alt war. Danach verbrachte er noch weitere 12 Jahre im Studium. Erstes Mal begab er sich nach China im Jahr 1643 und erhielt dabei den Segen vom Papst selbst.  Der junge Jesuit hatte auf der Insel Hainan die katholische Mission gegründet. Doch seine Predigttätigkeit wurde durch die Politik gebrochen: China erlebte den nächsten harten Wandel in eigener Geschichte: Ming-Dynastie, die schon über 300 Jahre regierte, trat unter dem Druck des mandschurischen Volkes (den Mongolen verwandtes Volk) zurück. Bald darauf eroberten die Mandschuren die Insel Hainan und Boim wurde gezwungen ins Nord Vietnam umzuziehen. Der muntere Mönch ließ doch den Kopf nicht hängen. Im Jahr  1649 entschied Boim va banque zu spielen: in den Bedingungen, als der selbst verkündete Imperator Zhou Yulan - Nachkomme der gestürzten Ming-Dynastie – offensichtlich eine Hilfe von Außen benötigte, beschloss sich Boim vor ihm als vollberechtigter Vertreter des römischen Throns und Vermittler in den Verhandlungen mit europäischen Monarchen vorzustellen.  Die Verzweiflung und Hoffnungen des Imperators benutzend, hatte Boim gemeinsam mit dem deutschen Jesuit Andreas Koffler den Imperator und seine Gattin sowie verwitwete Imperatorin und den Thronnachfolger zum Katholizismus bekehrt. Ihnen folgten auch viele Höflinge. Beauftragt vom Imperator schrieb Boim im November 1650 einen Brief an Papst und portugiesischen König, in dem er sie um die Hilfe für den neu bekehrten Christen bat.  Mit diesem Brief begab sich der Lvover Jesuit nach Europa. In der portugiesischen Kolonie Goa auf dem Territorium Indiens erwartete doch ihn  die Enttäuschung: der portugiesische König hatte seine „Rate“ auf die Beziehungen zu Mandschurei gesetzt und dadurch der untergehenden Ming-Dynastie in Hilfe abgesagt. Boim wurde verhaftet.

Es schien, dass die geplante Mission unausführbar gewesen wäre. Doch in dieser ausweglosen Situation hatte sich Michael Boim gezeigt: er war der Wache entflohen und war dann im Dezember 1652 zu Fuß durch Indien und Persien (!) in Venedig eingetroffen.  Es ist kaum zu begreifen, was hatte er auf dem Weg durch die gewaltigen Territorien von Osten zu erleben  und all dies um heiliger Sache des katholischen Throns willen!  In Venedig ist Boim nicht in der Kleidung eines katholischen Prälaten, sondern in der chinesischen Mandarin-Tracht angekommen. Die Jesuiten wurden von den Venezianern nicht gern gesehen. Jetzt stand dem hartnäckigen Mönch das Umherirren in den Höfen Europas bevor. Sein früherer Patron Papst Urban verstarb und die nachfolgenden Vatikan-Eminenzen  äußerten gar keinen Wunsch sich in die fernen chinesischen Angelegenheiten einzumischen. Erst  sechs Jahre später gelang es Boim die Audienz beim neuen portugiesischen König zu erreichen und seine Majestät versprach eine militärische Hilfe dem Bruder im Glauben zu leisten.  Jedoch hatte er damit offensichtlich nicht eilig – der Monarch wollte den lästigen Mönch einfach loswerden.  

 Durch das königliche Versprechen  beflügelt, begab sich Boim wiederholt  nach China. Es war im Jahr 1656. In Goa erfuhr er eigentlich, dass die Mandschuren fast das ganze Territorium von China erobert hatten und der Christ-Imperator sich irgendwo im Gebirge verbarg.  Seinen Aufenthaltsort war sehr kompliziert festzustellen. Die portugiesischen Machthaber wollten mit den „Siegern“ die Beziehungen nicht erschweren, insbesondere, dass sie  mit Mandschuren  schon den günstigen Handel eingegangen waren. Man ließ Boim den Port Goa nicht verlassen und empfahl ihm nach Europa zurückzukehren. Er hatte wiederum zu einer List zu greifen.

 Er begab sich in die Hauptstadt von Siam (heutiges Thailand), das damals auf europäischen Landkarten   noch nicht angegeben war. Dort kaufte er bei Korsaren ein Schiff und fuhr nach Nord-Vietnam  mit dem Vorhaben die chinesischen Gebiete zu erreichen, welche von seinem Patenkind noch kontrolliert wurden. Niemand hatte Lust den hartnäckigen Jesuiten zu begleiten und er machte sich alleine auf den Weg  seinem Tod entgegen. Nur ein treuer Lehrling (einer der in Christentums bekehrten Chinesen)  begleitete ihn. Ende 1659 fand er seinen Tod irgendwo an der vietnamesisch-chinesischen Grenze. Man kann sagen, dass er „auf dem Posten“ umgekommen war: als der Arzt leistete er die Hilfe in diesem Dickicht den Einheimischen während der ausgebrochenen Epidemie entweder von Pest oder Pocken und fiel selbst dieser Krankheit zum Opfer.

 

 Damit endete die irdische Mission von Michael Boim, aber sein  postmortaler Ruhm hat erst begonnen.  Die Europäer begannen sich bald nach seinen Werken mit dem fernen und mythologischen China vertraut zu machen. Und es gab was zu erlernen. Nach Europa zurückkehrend brachte Boim  eine große Sammlung der Landkarten von Zentral – China und Südosten Asiens mit. Er hatte vor ein großes Werk über chinesisches Imperium zu schreiben, in dessen 9 Kapiteln die Geschichte, wissenschaftliche Errungenschaften und politische Struktur Chinas dargelegt werden sollten.  


Die Boims Verdienste vor europäischen Geographie,  Zoologie und Botanik  sind unwiderlegbar: er war der erste, wer ermittelte, dass Korea eine Halbinsel ist, den Atlas von internen Bezirken Chinas erstellte,  auf seinen Landkarten die Große Chinesische Mauer markierte. Sein berühmtestes Werk ist  «Flora Sinensis» («Flora von China»), das 1656 in Wien veröffentlicht wurde. Es war die erste in Europa Beschreibung des Ökosystems des Fernen Ostens. In seinem weiteren Werk «Specimen medicinae Sinicae» («Arzneipflanzen von China») hatte er außer Arzneipflanzen auch die chinesische Medizin, verschiedene Heilverfahren und  Diagnosestellungen beschrieben, wie z.B. Akupunktur und Pulsmessung.

Hier ist noch eine lustige Tatsache zu erwähnen: Boim hatte als der erste Europäer ein Flusspferd so gemalt, als es in der Tat aussieht und nicht als ein Ungetüm in der Schale und mit den Gehörnen.  Dies geschah in Moçambique, als   der Missionär wiederholt nach China unterwegs war. Er hatte eigentlich zum ersten Mal die Natur und Tierwelt  von Moçambique beschriegen – also auch in diesem Land kann er ganz sicherlich  als der erste europäische Forscher gegolten werden.

Michael Boim ist für Ewigkeit in Dschungel des Süd-Ost Asiens geblieben. Doch in der Lvover Familiengruft wird über ihn wohl viel mehr als von anderen Vertretern dieser Dynastie erzählt. Das Porträt  dieses hervorragenden Missionärs und Wissenschaftlers sollte wahrscheinlich hier  neben Bildnissen seiner Vorfahren ausgehängt werden. Die Galerie dieser Porträts ist eigentlich nicht so groß: schon in der vierten Generation war die Gens von Boims mit den Kindern des Michaels Bruders Nikolai aufgehört worden. Keiner von drei Söhnen von Nikolai Boim hatte Nachkommenschaft…

Die wunderbare Kapelle ist erhalten geworden. Und sie erzählt uns die Geschichten über die Kaufleute, Mediziner, Reisenden, angesehene Einwohner der ruhmreichen Stadt Lvov, die alle Gäste aller Zeiten willkommen heißt.

September 2011